Manche Mitglieder von rtrb bezeichnen die Organisation als ihre politische Heimat. Was bedeutet das eigentlich – und welches Potential steckt darin?
Politische Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich gesehen und anerkannt werde, an dem wir gemeinsam Werte und Perspektiven teilen. Hannah Arendt beschreibt sie als «Raum des gemeinsamen Handelns und Sprechens» – einen Raum, der eine gewisse Gleichheit an struktureller Identität und Position voraussetzt. rtrb ist für mich genau das, also eine politische Heimat.
Vertrautes in ungewohnter Radikalität
Lange Zeit waren reiche Menschen vor allem meine politischen Antagonist*innen. Geschäftspartner*innen und Bekannte meiner Eltern, die keinen Aufwand scheuten, Vermögensanhäufung ethisch und politisch zu legitimieren. Dass deren Argumente auf Sand gebaut sind, das 1% aber die gesellschaftliche Deutungshoheit besitzen, löste in mir vor allem Kapfesgeist aus. Bei rtrb begegnete ich plötzlich Menschen mit Zugang zu Vermögen, die so vieles mit mir teilen: ähnliche Konflikte mit den Herkunftsfamilien, gemeinsame Gesellschaftsanalysen, geteilte Handlungsperspektiven. Das gibt mir Mut und Zuversicht, im gemeinsamen Handeln und Sprechen die Konfliktlinien zu bearbeiten.
Klar ist: Eine politische Heimat entsteht nicht von selbst – und sie hält sich nicht ohne Arbeit. Ohne Menschen, die regelmässig da sind, Nachbar*innenschaft leben und gemeinsame Infrastruktur pflegen, bricht sie auseinander. Zuhause sein bedeutet, füreinander da zu sein: Einen gemeinsamen Reflexionsort zu schaffen, wo man sich im geschützten Rahmen reflektieren, austauschen und Irritationen kollektiv besprechen kann. Das alles machen wir, um die Überwindung von Klasse zu ereichen. Und gleichzeitig; so gut es mir tut, bei rtrb ein zu Hause zu haben, so sehr schmerzt es anzuerkennen, dass dieses zu Hause exklusiv entlang dem Merkmal Klasse konstituiert ist.
Können wir mehrere politische Heimaten haben?
Denn ökonomische Ungleichheit schafft Barrieren. Oft spüre ich eine Entkoppelung gegenüber nicht-klassenprivilegierten Personen. Eine Entkoppelung befeurt durch Scham über meinen weitreichenden Zugang zu Vermögen und der wiederkehrenden Unsicherheit, wie ich diese Verantwortung tragen soll. Dieses Gefühl zieht sich wie ein Schleier durch mein Leben. Und es kostet innere Arbeit diese Reibung in klassengemischten Beziehungen auszuhalten. Räume politischer Selbstorganisation “von unten” sind gefüllt mit solchen Reibungsflächen. Und genau das Aushalten dieser Reibung ist lehrreich.
Im Kontakt mit politischen Bewegungen berührt mich tief ihr beharrlicher Wille zur Veränderung und ihre Fähigkeit zur sozialen Organisierung. Dabei vergesse ich nicht: Präkarisierte Personen haben diese Wahl kaum. Sie müssen die Widersprüche täglich aushalten – im Leben wie in linker Organisierung, ohne Ausweichmöglichkeit. Warum sollten wir das nicht auch lernen?
Es ist nicht einfach. Aber es lohnt sich. Emanzipative Bewegungen zeigen uns, wie gemeinschaftliches Leben und Utopien möglich werden – jenseits von viel Geld und materiellem Luxus. Und vor allem: Durch sie können wir von passiven Verbündeten zu revolutionären Akteur*innen werden – die gemeinsam in eine gerechtere Zukunft schreiten.
Heimat als Ausgangspunkt
Damit die Vermögen, die bei Reichen angehäuft und der Gesellschaft entzogen wurden, tatsächlich rückverteilt werden, reicht ein sicheres Zuhause unter Unsergleichen nicht aus. Wir brauchen gelebte Verbundenheit mit sozialen Bewegungen. rtrb ist beides: die comfort zone, in der wir ankommen – und der Ausgangspunkt, von dem aus wir politisch ausschwärmen, Allianzen schmieden, Brücken bauen und zusammenrücken. So lange, bis die Welt eine Heimat für alle ist.